Schlafgeschichten

Guten Abend, gut’ Nacht

Foto: Mutter und Kind liegen beieinandergekuschelt im Bett.

Wiegenlied mit Missverständnissen

Eines der bekanntesten Schlaflieder in deutscher Sprache ist das „Wiegenlied“ von Johannes Brahms. Den meisten ist es besser bekannt unter „Guten Abend, gut’ Nacht“. So wie auch die ersten Zeilen des Wiegenlieds lauten. In heutiger Zeit wird der Liedtext jedoch häufig als gruselig oder morbide missinterpretiert. Das geht hauptsächlich auf die, aus heutigem Sprachgebrauch, missverständliche erste Strophe zurück:

Guten Abend, gut’ Nacht,
mit Rosen bedacht,
mit Näglein besteckt,
schlüpf unter die Deck:
Morgen früh, wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt.

Mit Näglein besteckt …

Zugegeben: Mit Näglein besteckte Kinder, die von Gottes Willen abhängig sind, wecken keine angenehmen Assoziationen. Die Deutung der „Näglein“ als Sargnägel liegt auf den ersten Blick nahe. Doch klingt die erste Strophe von „Gut Abend, gut‘ Nacht“ brutaler als tatsächlich gemeint. Bei den im Text angesprochenen „Näglein“ handelt es sich um eine sprachlich veraltete Bezeichnung für Gewürznelken, die aus dem modernen Sprachgebrauch fast vollständig verschwunden ist und sich nur noch vereinzelt in einigen Dialekten findet.
Foto: Einige getrocknete Nelken
Zu Brahms Zeit setzte man diese ein, um geliebte Menschen mit den ätherischen Ölen der Nelken vor Insekten und Krankheitserregern zu schützen. Diese im Allgemeinwissen nicht mehr verankerte Pflanzenmetaphorik führt heute verständlicherweise zu Missverständnissen.

… und wenn Gott nicht will?

Hände zum Gebet gefaltet vor einem Buch.Die zweite oft kritisch interpretierte Textstelle befasst sich mit der Einschränkung „Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt“. Hier wird dem Autor des Textes heute häufig unterstellt, dass er Gott eine Willkür einräumt, den Schlafenden am nächsten Tag wieder aufstehen zu lassen. Doch vor dem Hintergrund der für die christlich geprägte, mittelalterliche Entstehungszeit üblichen Demutshaltung relativiert sich die vermeintlich schauerliche Aussage. Das Leben im Allgemeinen liegt bei der Weltsicht zur Entstehungszeit von „Guten Abend, gut‘ Nacht“ noch in Gottes Hand.

Romantisch – die Geschichte der ersten Strophe

Ganz und gar nicht morbide, sondern sogar sehr romantisch wurde die erste Strophe noch im 15. Jahrhundert gelesen: In dieser Zeit wurde sie nicht als Schlaflied für Kinder gebraucht, sondern als Gute-Nacht-Wunsch in Liebesbriefen.

Foto: Ein Liebesbrief in schnörkeliger Handschrift. Der antike Füllfederhalter des Verfassers liegt noch auf dem groben Büttenpapier.

Die deutschen Schriftsteller Achim von Arnim und Clemens Brentano veröffentlichten den Text erstmals im Jahr 1808 als Kinderlied in der Volksliedsammlung „Des Knaben Wunderhorn“. Darin trägt es zunächst noch den Titel „Gute Nacht, mein Kind“. Im Juli des Jahres 1868 arrangierte schließlich der deutsche Komponist Johannes Brahms sein „Wiegenlied“ auf der Basis dieses Textes. Fortan war das „Wiegenlied“ mit seinem ursprünglich liebevollen Gute-Nacht-Wunsch eines der bekanntesten Schlaflieder im deutschsprachigen Raum.

Die oft vergessene zweite Strophe

Das Schicksal vieler zweiter Strophen ist es, dass sie in Vergessenheit geraten. Die zweite Strophe des berühmten Wiegenlieds stellt leider keine Ausnahme dar.

Guten Abend, gut’ Nacht,
von Englein bewacht,
die zeigen im Traum
dir Christkindleins Baum.
Schlaf nun selig und süß,
schau im Traum’s Paradies.

Diese Strophe ergänzte den ersten Abschnitt von „Guten Abend, gut’ Nacht“ und stammt von dem Volksliedsammler Georg Scherer, welcher das Lied nach der Vertonung durch Brahms 1849 in seine Sammlung „Alte und neue Kinderlieder“ aufnahm. Scherers Text passte sich jedoch nicht der Melodie von Brahms an und so musste der Komponist für diese Unstimmigkeit eine zufriedenstellende Lösung finden. Erst im Jahr 1873 fügte er die erste und zweite Strophe zu einer musikalischen Einheit zusammen. Im Jahr darauf wurde das Lied endlich veröffentlicht, und ist bis heute in seiner damaligen Form überliefert.

 

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