Schlafgeschichten

Non-24: Wenn die innere Uhr aus dem Takt gerät

Fotomontage: Der Kopf einer jungen Frau mit geschlossenen Augen, auf die Licht scheint. Drumherum sind violette Lichtkegel, die wie ein Sternenhimmel anmuten.

Seit jeher ranken sich viele Mythen und Legenden um das Sehen und Nicht-Sehen. Wie wirkt sich eine Sehbehinderung oder Blindheit auf den Schlaf-wach-Rhythmus aus? Das Phänomen Non-24 veranschaulicht das gut: Können Tag und Nacht optisch nicht wahrgenommen werden, kann sich der Rhythmus verschieben. Neben der Trennung von Aktivität und Ruhe gliedern biochemische Prozesse und Hormone unseren Rhythmus. Die Ausschüttung des schlaffördernden Melatonin und des aufweckenden Serotonin beispielsweise hängt stark von der Wahrnehmung von Licht und Dunkelheit ab.

Jährlich am 6. Juni initiiert der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) den Sehbehindertentag. Dieser Tag soll auf die Belange von sehbehinderten, aber auch von blinden Menschen aufmerksam machen und bei deutschlandweiten Veranstaltungen informieren, sensibilisieren und aufklären.

Leben in totaler Finsternis?

So glauben viele, dass blinde Menschen in absoluter Dunkelheit leben. Dabei verfügen die meisten zumindest über eine geringe Lichtwahrnehmung. Das heißt, dass sie stärkere Lichtquellen lokalisieren können, wie etwa Fenster in einem Raum. Je nachdem, wie stark das Sehvermögen ausgeprägt ist und welche Art der Seheinschränkung vorliegt, können einige blinde Menschen ihre Umwelt schemenhaft erkennen. So können manche peripher, also am Rand ihres Gesichtsfeldes, sehen, aber nicht scharf in der Mitte. Andere können einen kleinen zentralen Punkt scharf erkennen und den Rest nicht. Die Abstufungen sind vielfältig, da es verschiedene Ursachen und Krankheitsbilder gibt, die zur Erblindung führen können.

Foto: Schattenhafte Personen und vereinzelte Lichtflecken sind in einer verschwommenen Umgebung zu sehen.

Blindsein ist also weit weg von der Vorstellung, nur schwarz zu sehen. Es gibt allerdings einen kleinen Teil, bei dem das tatsächlich so ist. Medizinisch liegt dann eine Amaurose vor. Diese Menschen haben keine Lichtwahrnehmung oder sonstige visuelle Eindrücke von außen. Das ist nicht nur für das Zurechtfinden im Alltag schwierig, sondern kann sich auch auf den Schlaf auswirken.

Tag und Nacht verschwimmen

Unsere innere Uhr gibt vor, wann wir uns wach und aktiv fühlen und wann wir müde werden. Sie wird wesentlich beeinflusst durch das Tageslicht. Sobald es dunkel wird, schüttet unser Körper Melatonin aus. Das Hormon sorgt dafür, dass wir müde werden und gut einschlafen können. Merkt der Körper nicht, ob es hell oder dunkel ist, kann sich die innere Uhr nicht mehr an Tag und Nacht orientieren. Ihr fehlt die Möglichkeit, sich zu synchronisieren, die Melatonin-Produktion wird gestört. Wie eine Uhr, die aus dem Takt gerät, verschiebt sich der Schlaf-wach-Rhythmus so jeden Tag ein bisschen mehr.

Foto: ein komplexes Uhrwerk mit vielen Zahnrädern, die ineinandergreifen

Dieses Phänomen nennt sich Non-24. Die innere Uhr der betroffenen Menschen hat beispielsweise einen 24,5- oder 25-Stunden-Rhythmus. Der Tagesrhythmus weicht mit der Zeit immer stärker von dem anderer Menschen ab. Versuchen die Betroffenen entgegen ihrer inneren Uhr einzuschlafen, haben sie mit Ein- und Durchschlafproblemen zu kämpfen. Typisch für Menschen mit Non-24 ist, dass sie Phasen erleben, in denen sie gut schlafen, und Zeiten, in denen sie fast gar nicht schlafen können und unter starker Tagesmüdigkeit leiden. Das liegt daran, dass ihre innere Uhr in den guten Zeiten nahezu parallel zu dem üblichen Schlaf-wach-Rhythmus läuft und sich in den schlechten Zeiten weit von diesem entfernt hat.

Von Non-24 sind wegen der fehlenden Synchronisation mit dem Tageslicht zwar überwiegend, aber nicht ausschließlich blinde Menschen betroffen. Auch ein sonst völlig gesunder Mensch kann mit einem abweichenden Schlaf-wach-Rhythmus geboren sein.

Hilfe bei Non-24

US-amerikanischen Studien zufolge ist über die Hälfte der vollblinden Menschen von Non-24 betroffen. Da das Phänomen in der Öffentlichkeit und auch unter Ärzten noch nahezu unbekannt ist, erhalten betroffene Menschen oft über Jahre oder Jahrzehnte keine effektive Hilfe oder gar falsche Diagnosen. Dabei können Schlafmittel und spezielle Medikamente im Einzelfall und nach ärztlicher Rücksprache Abhilfe schaffen. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband nennt Anlaufstellen und lässt einen blinden Menschen aus seinem Leben mit Non-24 erzählen.

Foto: Eine Person im Arztkittel sitzt mit Kugelschreiber in der Hand und einem Klemmbrett vor sich einer anderen Person gegenüber, deren Hände auf dem Tisch ruhen.

 

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