Schlafgeschichten

Narkolepsie – vom Schlaf überfallen

Foto: Eine vor einem Laptop sitzende Frau legt erschöpft ihren Kopf in ihre verschränkten Arme.

Narkolepsie ist eine seltene Schlafkrankheit, die nach derzeitigem Stand nicht heilbar ist. Betroffene sind von ungewollten Einschlafattacken und einem vorübergehenden Verlust der Muskelkontrolle geplagt. Schätzungsweise sind allein in Deutschland 40.000 Menschen betroffen. Die Schlafkrankheit entwickelt sich schleichend und kann bei Mensch und Tier auftreten.

Historisches

Im Jahre 1877 beschrieb der deutsche Arzt Carl Westphal erstmals das Krankheitsbild der Narkolepsie. Den Begriff Narkolepsie prägte der französische Arzt Jean-Baptiste-Edouard Gélineau erstmals in seiner Publikation „Von der Narkolepsie“, nachdem ihm 1880 sein erster Narkolepsie-Patient begegnet war. Der 38-jährige Patient berichtete von ungewöhnlichen Symptomen. Er schlief bis zu 200 Mal am Tag ungewollt ein. Nach intensiver Forschung gelang es Gélineau, das Krankheitsbild der Narkolepsie klar von Epilepsie abzugrenzen. Dies ebnete den Weg für die weitere medizinische Erforschung. 1902 wurde Kataplexie erstmalig als Symptom von Narkolepsie erwähnt. Der Begriff beschreibt den vorübergehend auftretenden Verlust über die Muskelkontrolle, was im Affekt durch zu starke Gefühlsregung ausgelöst wird.

Foto: Ein altes aufgeschlagenes Buch, ein Stethoskop liegt auf den Seiten.

Symptome und Krankheitsbild

Narkolepsie kann genetisch oder organisch bedingt sein. Die Erkrankung tritt zumeist zwischen dem 15. und 40. Lebensjahr auf. Auch Kinder können betroffen sein. Obwohl die Krankheit das tägliche Leben der Betroffenen stark beeinträchtigt, verläuft die Krankheit schmerzfrei und beeinflusst die Lebenserwartung kaum. Da sich die Krankheit schleichend entwickelt und viele Symptome sehr unspezifisch sind, lässt sie sich nur schwer diagnostizieren. Charakteristisch für Narkolepsie sind plötzliche, ungewollte Einschlafattacken und Kataplexien, wobei die Schlafkrankheit auch ohne diese verlaufen kann.

Spezifische Symptome

Tagesmüdigkeit und Einschlafattacken

Betroffene leiden an einer ausgeprägten Tagesmüdigkeit, die mit ungewollten Einschlafattacken einhergeht. Besonders in eintönigen Situationen wie beim Fernsehen oder als Beifahrer im Auto nicken Betroffene plötzlich weg – für Minuten bis hin zu einer Stunde. Die Schlafattacken führen zu einem erheblichen Unfallrisiko der Patienten. Im Privatleben und Beruf ist die Leistungsfähigkeit stark eingeschränkt. Nicht selten werden Betroffene stigmatisiert. Dies führt zu einer erheblichen psychischen Belastung, so dass sich Narkoleptiker recht häufig aus dem sozialen Umfeld zurückziehen und unter dauerhaften depressiven Verstimmungen leiden.

Foto: In der Küche sitzt eine Frau am Tisch, ihr Kopf liegt auf dem Tisch. In der rechten Hand hält sie eine Kaffeekanne und gießt Kaffee daneben, anstatt in die daneben platzierte Tasse.

Kataplexie

Neben Tagesmüdigkeit und Einschlafattacken ist Kataplexie ein weiteres Hauptsymptom der Krankheit. Alltägliche Emotionen wie Begeisterung, lachen und Ärger können Kataplexie hervorrufen. Je nach Schweregrad der Attacke kann es zu weichen Knien und Erschlaffen von Gesichts- und Halsmuskeln bis hin zum vollständigen Zusammensinken des Betroffenen kommen. Der Zustand dauert wenige Sekunden bis Minuten an und endet abrupt. Im Unterschied zum epileptischen Anfall sind die Patienten bei vollem Bewusstsein.

Unspezifische Symptome

Halluzinationen, Schlafparalysen und gestörter Nachtschlaf

Narkoleptiker schlafen in der Regel sehr schnell ein und verfallen, anders als bei gesunden Menschen, direkt in die Tiefschlafphase. In ihrem Ablauf sind Tiefschlaf- und Traumphasen verändert. Betroffene wachen in der Nacht regelmäßig auf und liegen oft mehrere Stunden wach. Häufig sind Narkoleptiker von Albträumen geplagt. Darüber hinaus kann es zu Schlafparalysen in Begleitung von Halluzinationen beim Einschlafen und Aufwachen kommen. Betroffene sind in diesem Zustand für eine Zeit lang bewegungs- und handlungsunfähig.

Foto: Mitten in der Nacht liegt eine von Schlafstörungen geplagte Frau wach im Bett und schlägt sich die Hände vor das Gesicht, im Vordergrund ist ein Wecker auf dem platziert.

Formen der Narkolepsie

Narkolepsie mit Kataplexie

Narkolepsie mit Kataplexie ist die häufigste Form der Schlafkrankheit. Neben Tagesschläfrigkeit und Einschlafattacken kommt es bei rund 90 Prozent der Betroffenen zu Kataplexie. Da es fast nur bei dieser Schlafkrankheit auftritt, kann Kataplexie eindeutig der Narkolepsie zugeordnet werden.

Narkolepsie ohne Kataplexie

Bei schätzungsweise zehn Prozent der Narkolepsie-Patienten fehlt das Symptom Kataplexie. Eine Diagnosestellung gestaltet sich dadurch noch schwieriger. Tagesschläfrigkeit tritt isoliert oder zusammen mit mehreren Symptomen wie Schlaflähmung oder gestörtem Nachtschlaf auf.

Sekundäre Narkolepsie

Bei der sekundären Narkolepsie entsteht die Krankheit durch äußere Einwirkung. Sie ist eine Folgeerscheinung, die aus der Verletzung des Gehirns oder des Nervengewebes entsteht. So können Schlaganfälle, Schädel-Hirn-Traumata, Tumoren oder Krankheiten des zentralen Nervensystems eine Ursache dafür sein.

Wenn Tiere erkranken

Neben dem Menschen ist die Erkrankung bei Tieren bekannt. Seit 1973 wird Narkolepsie bei verschiedenen Hunderassen wie Dobermann und Labrador festgestellt. Auch unter Pferden ist die Schlafkrankheit verbreitet. Tritt bei Pferden Kataplexie auf, sacken die Tiere in sich zusammen und stürzen auf den Boden. Bei Tieren ist die Krankheit ebenfalls nicht heilbar. Zur Abmilderung werden Medikamente verschrieben, welche die Anfälle unterdrücken.

Foto: Ein müdes Pferd liegt auf einer Wiese.

Ursachen der Schlafkrankheit beim Menschen

Zur Ursache der Krankheit gab es lange Zeit verschiedene Theorien und die Vermutung, Narkolepsie sei eine Autoimmunkrankheit. Letztendlich gelang es einem Schweizer Forscherteam im Jahre 2018, die Ursache von Narkolepsie nachzuweisen. Demnach wird Narkolepsie durch den allmählichen Verlust von Nervenzellen in einer bestimmten Gehirnregion, die den Botenstoff Hypocretin produziert, ausgelöst. Eine fehlgesteuerte Immunreaktion beeinträchtigt oder zerstört die Zellen. Warum das passiert, ist nicht geklärt. Hypocretin hat einen wesentlichen Einfluss auf die Regulation von Schlaf und Wachheit.

Impfstoffe als Auslöser für Narkolepsie

Narkolepsie wird außerdem in Zusammenhang mit Impfungen gebracht. Insbesondere bei der Schweinegrippe-Impfung wurden mehrere Fälle festgestellt, die in Zusammenhang mit der Schlafkrankheit stehen. In den Jahren 2009 und 2010 kam es in Skandinavien zu einer regelrechten Epidemie von Narkolepsie-Erkrankungen, nachdem sich Betroffene gegen die Schweinegrippe impfen ließen. Bei der Vielzahl verabreichter Dosen des Impfstoffes Pandemrix wurden mehrere Tausend Fälle der Schlafkrankheit in Verbindung mit dem Impfstoff gebracht. Auch Kinder und Jugendliche im Alter von vier bis 19 Jahren waren betroffen. Nach bisherigen Untersuchungen liegt der Verdacht nah, dass Pandemrix das Risiko für Narkolepsie erhöht.

Foto: Ein Arzt hält eine Spritze in der Hand, im Hintergrund sitzt ein Mädchen, dass geimpft werden soll.

Diagnosestellung

Vom Auftreten der ersten Symptome bis zur Diagnosestellung vergehen durchschnittlich zehn Jahre. Um die Krankheit zu diagnostizieren, werden die Krankheitsgeschichte des Patienten aufgenommen sowie Schlaflabor– und Nervenwasseruntersuchungen durchgeführt. Dabei wird der Hypocretinwert untersucht. Bei Narkolepsie ohne Kataplexie wird ein Multipler Schlaflatenz-Test durchgeführt, um Hinweise einer sich entwickelnden Narkolepsie zu erkennen. Betroffene werden dazu mehrmals am Tag in einen abgedunkelten Raum gelegt und aufgefordert, schnellstmöglich einzuschlafen. Bei Bestehen von Narkolepsie sollte die Tiefschlafphase mindestens zweimal zu früh eintreten. Anhand dessen lässt sich die Tagesmüdigkeit objektiv bestimmen und als Symptom der Narkolepsie eingrenzen.

Foto: Ein Mann wird in einem Schlaflabor untersucht. Ein Bildschirm zeigt Messergebnisse an.

Therapie der Schlafkrankheit

Nach derzeitigem Stand ist Narkolepsie eine lebenslang andauernde Krankheit. Bestimmte Medikamente können die Symptome abmildern. Psychostimulanzien helfen, am Tag wacher zu sein. Antidepressiva mildern Kataplexien, Halluzinationen und Schlaflähmungen ab. Allerdings ist die medikamentöse Behandlung umstritten, da vermehrt Nebenwirkungen auftreten und die Symptome lediglich unterdrückt werden.

Sinnvoller ist die Kombination mit Medikamenten und der Einhaltung der Schlafhygiene. Die Gestaltung besserer Lebensgewohnheiten und Verhaltensweisen trägt dazu bei, einen gesunden Schlaf zu fördern.

 

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