Schlafgeschichten

Schlafentzug: Gesundheitsrisiko, Folter und Therapie bei Depression

Foto: Eine Person sitzt auf einer Bettkante und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.

Nicht ohne Grund ist Schlafentzug eine Foltermethode. Die Folgen erscheinen zunächst relativ harmlos und hinterlassen keine erkennbaren Spuren. Doch je mehr Schlafentzug ein Mensch ausgesetzt ist, umso verheerender die Auswirkungen. Was mit einem Trunkenheitsgefühl und verminderten kognitiven Fähigkeiten beginnt, kann in Halluzinationen, Paranoia und Angstzuständen enden. Auch depressive Verstimmungen gehen mit Schlafentzug einher. Paradoxerweise kann bewusst eingesetzter Schlafentzug bei Depression als Therapie angewendet werden.

Schlafentzug: Folgen im zeitlichen Verlauf

24 Stunden Schlafentzug

Schlafentzug von bis zu 24 Stunden ist vielen Menschen bekannt. Bereits nach einem komplett durchwachten Tag nehmen unsere kognitiven Fähigkeiten ab. Die Wahrnehmung ist leicht getrübt und Denkprozesse fallen merklich schwerer. Wir reagieren gereizter auf äußerliche Einflüsse und werden risikobereiter. Auch das Immunsystem kann schon jetzt nicht mehr seine volle Leistung erbringen. Energieengpässe versucht der Körper mit Heißhunger auszugleichen. Vergleichbar ist dieser Zustand ungefähr mit einem Promille Blutalkohol.

Foto: Nahaufnahme eines stark geröteten Auges, eine der Folgen von Schlafentzug.

48 Stunden Schlafentzug

Ein Schlafentzug von 48 Stunden am Stück schwächt unseren Körper bereits so sehr, dass er rund die Hälfte seiner Leistungsfähigkeit verloren hat. Der Organismus geht jetzt in den Stressmodus über und lässt Herzschlag sowie Blutdruck steigen, die Körpertemperatur sinkt dagegen. Die geistigen Fähigkeiten sind nun stark eingeschränkt. Das Sprechen fällt schwerer und sowohl das Lang- als auch Kurzzeitgedächtnis lassen uns vermehrt im Stich. Unser Körper weiß sich nicht mehr anders zu helfen, als uns immer wieder in einen kurzen Sekundenschlaf zu versetzen, von dem wir bewusst allerdings nichts mitbekommen.

72 Stunden Schlafentzug

Wer es schafft, drei Tage am Stück wach zu bleiben, ist kaum mehr in der Lage, sich selbst zu kontrollieren und mit seiner Umwelt zu interagieren. In diesem Zustand vollkommener Benommenheit kann es zu Halluzinationen, Angstzuständen, Paranoia und depressiven Episoden kommen. Ohne äußere Einwirkung ist ein Schlafentzug von 72 Stunden allerdings kaum möglich. Selbst wer glaubt, so lange wach gewesen zu sein, ist währenddessen mit großer Wahrscheinlichkeit immer wieder kurz eingeschlafen, ohne es mitbekommen zu haben. Das zeigen Experimente, bei denen die Gehirnströme der Versuchspersonen mit einem EEG konstant überwacht wurden.

Und dann?

Alles, was über 72 Stunden hinausgeht, ist wenig erforscht. Denn es ist nicht möglich, selbst so lange wach zu bleiben. Sehr wahrscheinlich wird Schlafentzug irgendwann lebensbedrohlich. Darauf deuten Tierversuche hin, aber auch die seltene Erbkrankheit Letale familiäre Insomnie. Betroffene können dabei im Krankheitsverlauf immer weniger schlafen, bis sie irgendwann ins Koma fallen und anschließend versterben. Vermeintliche Rekorde im freiwilligen Wachbleiben sind kritisch zu betrachten, denn meist fehlt die Überwachung der Hirnströme, mit der auch die kürzesten Phasen von Sekundenschlaf sichtbar wären.

Regelmäßiger Schlafentzug

Foto: Eine Person liegt mit einem Baby auf einem Bett und reibt sich vor Müdigkeit die Augen.

Auch wenn der Schlafentzug nicht am Stück, dafür aber regelmäßig erfolgt, kann das weitreichende Folgen haben. So manche Eltern bekommen das in den ersten Lebensjahren ihres Kindes zu spüren. Aber auch durch Schichtarbeit oder chronische Überarbeitung sind Menschen regelmäßigem Schlafentzug ausgesetzt. Im US-amerikanischen Gefangenenlager der Guantanamo Bay Naval Base wurde systematischer Schlafentzug sogar als Foltermethode eingesetzt, um Gefangene zu Aussagen zu zwingen. Bevor sie ins Verhör mussten, wurde ihre Schlafenszeit über Wochen verkürzt, verschoben und unterbrochen.

Die Folgen sind individuell unterschiedlich, ähneln aber am ehesten den Symptomen von einem 24- bis 48-stündigem Schlafentzug. Wissenschaftlich erwiesen ist, dass dauerhafter Schlafentzug den Körper enorm stresst und das Risiko von Herzerkrankungen deutlich erhöht – salopp gesagt: Er verkürzt die zu erwartende Lebenszeit.

Wie viel Schlaf brauche ich?

Jeder Mensch hat ein anderes Schlafbedürfnis. Auch wenn es bei den meisten Erwachsenen zwischen sieben und acht Stunden pro Nacht sind, gibt es etliche Ausnahmen in beide Richtungen. Sowohl nur vier Stunden als auch zwölf Stunden jede Nacht können für einige vollkommen normal und gesund sein. Genug geschlafen haben Sie, wenn Sie ohne Wecker aufwachen und sich erholt fühlen. Die individuell optimale Schlafdauer lässt sich also selbst ermitteln.

Schlafentzug bei Depression & Schlafstörungen

Foto: Eine Person schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.

Als gezielt eingesetzte Therapieform kann Schlafentzug erstaunlich positive Effekte zeigen, insbesondere bei schweren Depressionen und Suizidalität. Dabei wird je nach Therapie eine gesamte oder eine halbe Nacht (ab 1 Uhr morgens) in einer Gruppe unter Betreuung durchwacht. Bei rund 60 bis 70 % der Betroffenen schlägt die auch Wachtherapie genannte Behandlung sofort nach der ersten durchgemachten Nacht an.

Zwar hält die euphorisierende Wirkung meist nur bis zum nächsten Schlaf an, doch schon die temporäre Besserung der Symptome kann depressiven Menschen wieder einen Ausweg aufzeigen und als Grundlage für weitere Therapien genutzt werden. Schlafentzug ist kein Heilmittel für Depression, aber eine relativ sichere und nebenwirkungsfreie Methode zur kurzfristigen Linderung. Bei chronischen Schlafstörungen wird mit der Schlafrestriktionstherapie auf eine ähnliche Behandlungsmethode zurückgegriffen.

Schlafentzug verhindert REM-Schlaf

Foto: Ein Netz aus Elektroden ist auf dem Kopf einer Person angebracht, um ein Elektroenzephalogramm (EEG) aufzuzeichnen.

Schlafentzug wird bereits seit den Siebzigerjahren als Therapiemethode eingesetzt, doch warum die Wachtherapie so erfolgreich ist, konnte bis heute nicht abschließend geklärt werden. Inzwischen besteht jedoch die Vermutung, dass der fehlende REM-Schlaf die antidepressive Wirkung beim Schlafentzug verantworten könnte.

In der REM-Schlafphase träumen wir am meisten und unsere Gehirnaktivitäten nehmen stark zu. Auch wenn ebenfalls nicht genau klar ist, welche Funktionen der REM-Schlaf hat, so ist eines sicher: Ein gesunder Mensch braucht ausreichend REM-Schlaf, um seine geistige Leistungsfähigkeit und Gesundheit zu wahren. Bei Menschen mit Depressionen wurden dagegen schon häufiger verlängerte und früher einsetzende REM-Schlafphasen beobachtet. „Der REM-Schlaf hat vermutlich eine depressionsfördernde Wirkung“, sagt Professor Dr. Thomas Pollmächer, Direktor des Zentrums für psychische Gesundheit am Klinikum Ingolstadt. Gestützt wird diese Vermutung durch die Tatsache, dass die meisten Antidepressiva den REM-Schlaf unterdrücken. Eine These ist also, dass die zu langen und häufigen REM-Schlafphasen von depressiven Menschen durch die Wachtherapie ausgeglichen werden.

Alles über eine Nacht überlassen Sie besser den Profis

Foto: Die Hände zweier Personen, die sich gegenüber sitzen im Fokus.

Der Entzug von Schlaf ist für gesunde Menschen gefährlich. Gerade wer das über einen längeren Zeitraum oder in größerem Umfang erfährt, leidet körperlich und psychisch massiv darunter. Die Wahrheit ist aber auch, dass fast alle Jugendlichen schon einmal die Erfahrung einer durchwachten Nacht ganz bewusst gemacht haben. Neben etlicher negativer Nebenwirkungen machen auch sie die positive Erfahrung mit der euphorisierenden Wirkung von Schlafentzug. Die macht sich auch die Medizin zu Nutzen und kann depressiven Menschen so einen Ausweg aus ihrer Krankheit aufzeigen. Gerade aber bei Depression ist besondere Vorsicht geboten: Kommen Sie niemals auf die Idee, sich damit selbst zu therapieren. Schlafentzug als Therapie muss unter Überwachung von Fachpersonal und idealerweise in der Gruppe stattfinden.

 

Was sind die Folgen von Schlafentzug?

Auch wenn sich Schlafentzug anfangs mit leicht getrübter Wahrnehmung und verlangsamten Denken nicht gefährlich anfühlen mag, büßt der Körper bereits nach 48 Stunden 50 % seiner Leistungsfähigkeit ein. Spätestens ab diesem Zeitpunkt nehmen die gesundheitlichen Folgen von Schlafentzug ein verheerendes Ausmaß an.

Wie lange überlebt man ohne zu schlafen?

Genau lässt sich nicht sagen, wie lange man ohne Schlaf überleben kann. Denn schon während der ersten 24 Stunden des Wachseins fallen Menschen immer wieder in einen kurzen Sekundenschlaf, auch wenn sie davon selbst nichts mitbekommen. Die seltene Erbkrankheit Letale familiäre Insomnie und Tierversuche deuten jedoch darauf hin, dass Schlafentzug irgendwann tödlich enden kann.

Was passiert, wenn man 3 Tage lang nicht schläft?

Wer drei Tage lang wach bleibt, befindet sich in einem Zustand der Benommenheit und kann dabei Halluzinationen, Angstzustände, Paranoia und depressive Episoden erfahren. Allerdings ist es ohne äußerliche Einwirkung kaum möglich so lange wach zu bleiben, ohne zwischendurch unbemerkt immer wieder in einen Sekundenschlaf zu fallen.

 

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