Schlafkulturen – zwischen Nachtschlaf und Siesta
ZULETZT Aktualisiert: 27. April 2026
Die Schlafkulturen der Welt sind vielseitig und eröffnen eine ungewohnte Perspektive auf unsere eigenen Schlafrituale.
Unterschiedliche klimatische Gegebenheiten oder berufliche Anforderungen haben den größten Einfluss auf die Schlafkultur. Kulturelle Unterschiede gibt es vor allem bei der Schlafenszeit und der Verteilung des Kernschlafs, also der längsten Phase, die du am Tag schläfst. Du kannst grundsätzlich zwischen drei Hauptströmungen an Schlafkulturen unterscheiden:
- die Nachtschlaf-Kultur
- die Kultur der Siesta
- die Nickerchen-Kultur
Die Unterschiede können durch Mentalität eines Landes, klimatische Verhältnissen oder soziokulturelle Faktoren entstehen. Neben dem unterschiedlichen Zeitmanagement zeigt sich zwischen den Kulturkreisen auch eine unterschiedliche Bewertung von Schlaf.
Acht-Stunden-Kulturen – Nachtschlaf und Produktivität am Tage

In der westlichen Welt ist der monophasische Schlafrhythmus weitverbreitet. Das durchschnittliche Schlafpensum von acht Stunden wird in einem Stück durchgezogen. Diese eine Phase fällt überwiegend auf Nachtschlaf, so du denn keiner Berufsgruppe im Nacht- oder Schichtdienst angehörst. Wann wir arbeiten, unsere Freizeit genießen und schlafen, ist gesellschaftlich klar definiert.
Der Tagschlaf ist in diesen Nachtschlaf-Kulturen eher Ausnahmeerscheinung. Neben Nacht- und Schichtarbeitenden erholen sich hauptsächlich Kinder (und Betreuungspersonen) sowie ältere und kranke Menschen am Tag. Gleichzeitig werden das Powernapping am Arbeitsplatz und Arbeitszeitmodelle wie die 4-Tage-Woche, Job-Sharing und Home-Office immer populärer. Arbeitszeitmodelle mit freier Zeiteinteilung, die auch die Einteilung deines Schlafes flexibler machen.
Für viele Menschen ist es nicht ideal, dem etablierten Schlafrhythmus zu folgen, sondern auf eigene Bedürfnisse zu achten. Familien sind betroffen, wenn Arbeitszeiten und persönliches Verlangen nach Schlaf nur schwer zu vereinbaren sind. Alternative Schlaf- und Arbeitsmodelle sowie ein differenziertes Verständnis des menschlichen Schlaf-Wach-Rhythmus könnten Entlastung bringen.
Siesta-Kulturen – Schlaf in klimatischem Extrem

In Klimazonen mit starker Mittagshitze hat sich die Siesta etabliert, eine tägliche Mittagsruhe von mehreren Stunden. Während dieser Zeit ruhen sämtliche Arbeiten im Dienstleistungsbereich sowie in allen anderen nicht akut lebensnotwendigen Aufgabengebieten. Kaum eine Person kommt auf die irrwitzige Idee, zur Mittagszeit schwere handwerkliche Arbeiten unter freiem Himmel zu verrichten, wie etwa das Feld zu bestellen. In den Großstädten Afrikas kannst du Arbeitende auf Rasenflächen zwischen stark befahrenen Straßen beim Mittagsschlaf entdecken. Eine solch ausgedehnte Mittagspause wird in der Regel für eine zweite Schlafphase genutzt, die einen oft kürzeren Nachtschlaf ergänzt.
Dieser sogenannten biphasische – also in zwei Teile aufgeteilte – Schlafrhythmus ermöglicht die Anpassung der Menschen an klimatische Extreme. Dem Tagschlaf wird in den betroffenen Regionen insgesamt ein höherer Stellenwert beigemessen, als es in kühleren Klimazonen der Fall ist.
Nickerchen-Kulturen – die Welt des asiatischen Hochleistungsschlafs

In den Nickerchen-Kulturen des asiatischen Raums ist das Verhältnis zum Schlaf dem europäischen weit voraus. Ein kurzer Tagschlaf gilt als Leistungsnachweis und ist im öffentlichen Raum vielerorts zu beobachten. Menschen schlafen in der überfüllten U-Bahn, in Parks oder auch in Meetings, inmitten von Arbeitskolleg:innen oder unbekannten Menschen. Das japanische Wort „Inemuri“, was so viel heißt wie „anwesend sein und schlafen“, beschreibt diesen gesellschaftlich akzeptierten Zustand perfekt. Ob in öffentlichen Verkehrsmitteln, am Arbeitsplatz oder mitten in einer Besprechung – das kurze Nickerchen genießt gesellschaftliche Akzeptanz. Es wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass der oder die Schlafende die Ruhephase in diesem Moment benötigt, da das Arbeitsaufkommen zuvor entsprechend hoch war.
Dieser polyphasische Schlafrhythmus ist geprägt von einem stark verkürzten Nachtschlaf. Der Schlaf in der Nacht ist zwar dennoch die längste Ruhephase, wird aber von zwei bis fünf über den Tag verteilten zusätzlichen Tagschlafphasen ergänzt.
Andere Kulturen – andere Bewertung des Schlafs
Der kulturelle Unterschied zwischen der Nickerchen-, der Siesta- und unserer Nachtschlaf-Kultur liegt hauptsächlich in der Bewertung des Schlafens außerhalb des Schlafzimmers und der nächtlichen Kernschlafphase. Im westlichen Raum gelten Tagesschläfer tendenziell als undiszipliniert und faul. So als hättest du dein Leben nicht im Griff. Der Inemuri in Japan wird hingegen eher als Zeichen dafür gesehen, dass eine Person bis spät in die Nacht tüchtig war und die Pausen am Tage zur Regeneration und Steigerung der Leistungsfähigkeit nutzen muss. Kritisch betrachtet, mag das sogar der Fall sein und das Arbeitspensum und der Leistungsdruck in so mancher Region mit Nickerchen-Kultur derart hoch, dass kaum etwas übrig bleibt, als im Stehen auf dem Weg von einem Job zum Nächsten einfach einzuschlafen.


