Schlafgeschichten

Mittagsschlaf – der Luxus Kraft zu tanken

Foto: Eine Katze liegt auf einem Lehnsessel mit ausgestreckter Pfote

Einen Mittagsschlaf halten in Deutschland üblicherweise nur Kinder und ältere Menschen. Wer gesund und erwachsen ist, verzichtet darauf. Denn in der deutschen Arbeitswelt gilt der Mittagsschlaf als Zeitverschwendung oder wird sogar als Zeichen von Schwäche gedeutet. Und das obwohl sich viele Experten sicher sind, dass zumindest kurze Nickerchen die Produktivität und das Wohlbefinden steigern.

Die geringe gesellschaftliche Akzeptanz für einen kurzen Mittagsschlaf ist nicht nur ein deutsches Phänomen: Ein Großteil der westlichen Geschäftswelt räumt dafür keinen Platz ein. In den vergangenen Jahren hat sich mit dem Powernap aber zumindest im englischsprachigen Raum wieder ein kleiner Trend zum kurzen Dösen entwickelt. Vor allem unter Managern und Führungskräften ist diese Optimierungsmaßnahme zur Leistungssteigerung beliebt.

Diese Entwicklung war auch in Deutschland zu beobachten, hat sich aber vor allem an die gerichtet, die beruflich ohnehin schon an die Grenze der Belastbarkeit gehen. Doch egal ob man vom Powernapping oder vom Managerschlaf spricht – eine Mittagsschlaf-Kultur, wie sie aus anderen Ländern bekannt ist, konnte sich aus diesem Trend nicht entwickeln.


Fun-Fact:
Illustration: Aus einer halb geöffneten Hand fällt ein Schlüsselbund.Eine besonders praxisnahe Powernap-Technik wird als Schlüsselschlaf bezeichnet. Anstatt sich mit gestelltem Wecker auszuruhen, wird ein Schlüssel in die Hand genommen. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass die Hand mit dem Schlüssel frei über dem Boden „hängt“. Denn sobald sich die Tiefschlafphase ankündigt, entspannt sich die Muskulatur und der Schlüsselbund fällt zu Boden. Dieses Geräusch sollte einen schlagartig aufwecken – ganz ohne Wecker, genau zum richtigen Zeitpunkt.

Siesta: Wird in Spanien noch mittags geschlafen?

In anderen Kulturen ist der Mittagsschlaf viel verbreiteter – so zumindest die landläufige Meinung. Tatsächlich war die ausgedehnte Mittagsruhe in Südeuropa lange Zeit an der Tagesordnung und ist es zum Teil heute noch. Die spanische Siesta dürfte jedem ein Begriff sein. Sie beschreibt die Zeit von 14 bis 17 oder 18 Uhr, in der gegessen und anschließend noch ein oder zwei Stunden geschlafen wird.

Foto: Ein verwittertes Emailleschild auf dem steht: Siesta - please do not disturb

Ihren Ursprung hat die Siesta in der Landwirtschaft. Denn für die körperliche Arbeit werden die relativ kühlen Morgen- und Abendstunden genutzt. Das heißt im Umkehrschluss: früh aufstehen und bis in die Abendstunden arbeiten. Die Siesta ist demnach eine Kompensation für die kurze Nacht. Inzwischen spielt die Landwirtschaft in Spanien, wie in vielen anderen Teilen Europas, nur noch eine untergeordnete Rolle in der Arbeitswelt. Die Siesta aber ist geblieben, zumindest teilweise.

Zwar gibt es in den meisten spanischen Betrieben noch immer eine zweistündige Mittagspause, die wird aber nur selten für einen Mittagsschlaf genutzt. So verriet eine Studie aus dem vergangenen Jahr, dass 58 Prozent der Spanier nie nach dem Mittagessen schlafen. Ein Drittel hält gelegentlich ein Nickerchen und lediglich 18 Prozent nutzen die Siesta zum Schlafen. Weil durch die lange Mittagspause meist bis 20 oder 21 Uhr gearbeitet wird, wünschen sich inzwischen auch viele Spanier eine Angleichung an den Rest von Europa.

Asien: Leistungskultur trifft Nickerchen-Kultur

Foto: Eine asiatische Person lehnt stehend, mit geschlossenen Augen an einer Zugwand

Auf der Suche nach einer Mittagsschlaf-freundlichen Kultur wird man in Europa nicht mehr wirklich fündig. Bleibt noch Asien: In Japan etwa ist die Schlaftechnik Inemuri weit verbreitet. Inemuri heißt auf Japanisch „anwesend sein und schlafen“ und wird von den Japanern sehr oft im Zug praktiziert. Hier gibt es also eine Nickerchen-Kultur, doch ein richtiger Mittagsschlaf ist das nicht. Der Inemuri ist an keine bestimmte Tageszeit gebunden und wird gerne genutzt, um sich außerhalb der Arbeit zu erholen, etwa auf dem Weg ins Büro.

Auf dem Festland gibt es sie dagegen noch, die richtige Mittagsschlaf-Kultur. In China gehört das Xeu-Xi, das Grundrecht auf Mittagsschlaf, für einen Großteil der Bevölkerung zum Alltag. Sogar in der chinesischen Verfassung soll das Recht eines jeden Arbeiters auf den Mittagsschlaf verankert sein. Des Weiteren ist bekannt, dass Chinesen von klein auf zum Mittagsschlaf erzogen werden und diese Gewohnheit im Erwachsenenalter nur selten ablegen.

Wie wichtig den Chinesen ihr Mittagsschlaf ist, zeigt der sogenannte Schlaftourismus in chinesischen Filialen eines internationalen Möbelkonzerns. Als 1998 die erste Filiale in China eröffnet hat, dürften die Mitarbeiter nicht schlecht gestaunt haben, als ihr Geschäft nachmittags auf einmal von den „Kunden“ als Schlafmöglichkeit genutzt wurde. Zunächst handhabte das Möbelhaus das Phänomen sehr gelassen. 2015 entschied man sich aber doch, das Schlafen im Einrichtungshaus zu verbieten.

Wer kann, schläft ohnehin direkt am Arbeitsplatz. Viele haben dafür extra eine Liege in ihr Büro gestellt. Diese Liegen für den Arbeitsplatz werden teilweise über Generationen weitervererbt. Inzwischen sollen zwar größere Betriebe und ausländische Firmen auch in China an einer Abschaffung des Xeu-Xi arbeiten, bei so viel Traditionsbewusstsein dürfte das allerdings dauern.

China und Deutschland unterscheiden sich in Sachen Mittagsschlaf also grundlegend. Dabei sind wir uns in Sachen Arbeitsmoral und Strebsamkeit auf den ersten Blick doch recht ähnlich. Hat uns China durch den traditionellen Mittagsschlaf vielleicht etwas voraus?

Ein kurzer Mittagsschlaf steigert die Leistung

Illustration: Ein Schild, auf dem steht "+30 % Leistungsfähigkeit"Viele Experten sprechen sich inzwischen für einen Mittagsschlaf aus. Sie vermuten, dass sich der Mittagsschlaf positiv auf unsere Gesundheit auswirkt und die Leistungsfähigkeit um rund dreißig Prozent steigern kann. Das behauptet der deutsche Schlafforscher Prof. Jürgen Zulley. Eine griechische Studie konnte sogar belegen, dass ein nachmittägliches Nickerchen das Infarktrisiko herzkranker Menschen um 37 Prozent sinken lässt. Ebenso soll der Mittagsschlaf stressmindernd sein, was auch psychischen Erkrankungen wie Burnout entgegenwirken könnte.

Allerdings ist nicht jede Form von Mittagsschlaf förderlich. Zu lange sollte das Schläfchen nicht dauern: höchstens 30 Minuten. 20 Minuten sind besser und Geübte erzielen den gewünschten Effekt schon nach 10 Minuten. Da stellt sich natürlich die Frage, wer es schafft, innerhalb von zehn Minuten einzuschlafen und wieder aufzuwachen. Grundsätzlich ist echter Mittagsschlaf nicht unbedingt nötig, um erholt zu sein. Vielmehr geht es um eine Ruhephase, die dem Körper wieder Kraft gibt.

Der Mittagsschlaf gehört zu unserem biologischen Programm

Der erwähnte Schlafforscher Prof. Jürgen Zulley ist in Deutschland einer der bekanntesten Befürworter des Mittagsschlafes. In den 1970er Jahren übernahm er die Leitung des Bunkerexperimentes am Max-Planck-Institut. Dabei wurden die Probanden vier Wochen lang in einem Bunker untergebracht, der zwar einen angenehmen Aufenthalt ermöglichte, allerdings kein Sonnenlicht durchließ und über keine Uhr verfügte. Die Teilnehmer wussten also nie, wann sie zu Bett gingen und wie lange sie geschlafen hatten.

Schematische Darstellung unser Biorhythmus: Kurve der Leistungsfähigkeit zwischen Tag und Nacht.Im Vorfeld war bereits bekannt, dass der menschliche Organismus nachmittags herunterfährt und vorübergehend nicht mehr so leistungsfähig ist. Die Vermutung, dass der Mittagsschlaf zu unserem natürlichen Biorhythmus gehört, bestand also schon vorher. Das Ergebnis des Bunkerexperimentes konnte diese Annahme unterstreichen: Jeder Teilnehmer legte unbewusst einen Mittagsschlaf ein – ganz gleich wie alt, faul oder fleißig er war. Einige dachten sogar, dass sie gerade eine Nacht durchgeschlafen hätten, obwohl sie lediglich einen kurzen Mittagsschlaf hielten.

Mittagsschlaf – nächster Optimierungstrend der Leistungsgesellschaft?

Foto: Ein altes Ziffernblatt. Der kleine Zeiger steht auf einem Schriftzug "Produktivity" - Übersetzung: ProduktivitätViele Gründe sprechen für einen Mittagsschlaf, solange man es nicht übertreibt. Ein kurzes Nickerchen zwischen 10 und 30 Minuten jeden Nachmittag scheint wahre Wunder bewirken zu können. Nicht nur der Gesundheit soll das guttun, auch der Leistungsfähigkeit. Doch bevor in der westlichen Welt der Mittagsschlaf für Erwachsene wieder Einzug hält, dürfte es noch eine ganze Weile dauern.

Schließlich hatte der Powernap-Trend auch nicht viel bewegen können. Wir Deutschen haben daraus den Managerschlaf gemacht, um gleich klar zu stellen: Derartige Pausen gibt es nur für die Führungsetage, also für die, die ohnehin schon viel arbeiten. Dass eine solche Mittagsschlaf-Kultur in einem Land mit starkem Wirtschaftswachstum trotzdem funktionieren kann, beweist China.

Vorerst dürfte ein Mittagsschlaf bei uns für die meisten purer Luxus bleiben. Ganz gleich, ob er nun der Leistungssteigerung dient oder nur der Freude am Faulenzen.

 

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