Schlafgeschichten

Das Sandmännchen bringt die Träume

Foto: Eine Familie sitzt auf einem Sofa und schaut Fernsehen. Auf dem Fernseher ist der Schriftzug „Abendgruß“ zu lesen.

Das Sandmännchen streut allabendlich seinen Sand und bringt Millionen Kindern schöne Träume. Doch das war nicht immer so. Die Tradition des Sandmanns lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Im Laufe der Jahrhunderte durchlebte das Sandmännchen eine Wandlung, die vor sechzig Jahren in einem kleinen Männchen mit Zipfelmütze und Bart mündete.

Vom Gott des Schlafes bis zum Sandmännchen

Illustration: Die Oneiroi, der Schwarm der Traumgötter, bestehend aus einer geflügelten Gestalt, deren Gesicht ein Strudel ist, einer Schlange mit Eberzähnen und einem Gebirge mit Gesicht.

Bereits in der griechischen Mythologie ist die Rede von den Oneiroi, der Verkörperung des Träumens in Göttergestalt. Die Menschen glaubten damals, dass die Götter Phobetor, Phantasos und Morpheus für das Träumen verantwortlich waren und die Träume nutzten, um Botschaften zu überbringen. Diese Traumgötter sind eng mit Hypnos, dem Gott des Schlafes, verbunden. Mit Mohnzweig und Schlummerhorn brachte er Nacht für Nacht den Schlaf und ebenso die Träume. Hypnos und die Oneiroi stellen eine frühe Form des Sandmännchens dar.

Etwa zur selben Zeit glaubten die Germanen daran, dass der Schlaf und der Tod Geschwister seien. Verwunderlich ist das nicht, ähnelt sich doch beides, äußerlich betrachtet. Sowohl der Schlaf als auch der Tod wurden als Sandmann – im Sinne von Sendbote, einem göttlichen Gesandten – bezeichnet und liefern damit eine erste Wortherkunft.

Im heutigen Kärnten, Österreich, wird das Sandmännchen mit dem von den Kelten verehrten Genius cucullatus in Verbindung gebracht. Dieser Schutzgeist mit Kapuzenmantel stand für guten Schlaf und gesundes Augenlicht, konnte helfen und heilen, aber auch Unheil bringen. Der Name Sandmännchen leitete sich in diesem Zusammenhang aus der Ortschaft St. Georgen am Sandhof und der Gestalt des Kapuzenmännchens ab.

Der Sandmann – Schreckgestalt mit Sandsack

Zeichnung von E. T. A. Hoffmanns Sandmann: Ein Kind versteckt sich mit ängstlichem Blick hinter einem Vorhang. Vor einem Mann in bittender Pose steht aufrecht eine menschliche Gestalt mit abwehrender Geste. Das Gesicht ist eine fiese Fratze. In der rechten Hand hält sie einen Spazierstock.In der jüngeren Geschichte, beeinflusst von den Mythen und Legenden der Vorzeit, wandelte sich das Sandmännchen zu einer gruseligen Figur. Nachtbock, Nachtkrabb oder Bummelux sind nur einige der regional unterschiedlichen Bezeichnungen für ein und denselben Kinderschreck. Der Sandmann in E. T. A. Hoffmanns gleichnamigem Roman spiegelt die Vorstellung der bösartigen Gestalt dieser Zeit wider. Hoffmanns Sandmann ist ein Monster, das Kindern, die nicht schlafen wollen, Sand in die Augen wirft, in seinen Sack steckt und mitnimmt. Solche und andere Schauergeschichten erzählten Eltern ihren Kindern, damit sie abends bereitwillig zu Bett gingen.

Der Sandmann bringt die Kinder zu Bett

Foto: Ein Kind mit gelben Mantel und gelb erleuchtetem Regenschirm geht einen dunklen Waldweg entlang. Eine dünne Schicht Schnee liegt auf dem Boden.

Die Sandmännchen-Figur „Ole Lukøje“ des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen kam ganz ohne Furcht zu verbreiten aus. In dem gleichnamigen Märchen verarbeitete Andersen die deutsche Tradition des Sandmanns als Kinderschreck. Doch anders als das deutsche Vorbild ist Andersens Sandmännchen eine kleine Gestalt mit Kapuze ohne jede Boshaftigkeit.

Ole Lukøje heißt übersetzt „Ole Augenschließer“. Er wirft keinen Sand, sondern gibt ein wenig Milch in die Augen der Kinder, damit sie müde werden und sich schlafen legen. Unter den Armen trägt das Männchen zwei Regenschirme. In einem der Schirme sind Bilder aufgehängt, die er den braven Kindern zeigt und die ihnen schöne Träume bescheren. Über den unartigen Kindern spannt er den anderen Schirm auf, der keine Bilder in sich trägt. Daraufhin träumen diese Kinder nicht.

Das Sandmännchen und der Abendgruß

Foto: Alter Röhrenfernseher mit kleiner Antenne steht auf einem Bord. Auf dem Bildschirm ist der Schriftzug „Abendgruß“ zu sehen.Kindern vor dem Einschlafen Gutenachtgeschichten vorzulesen, hat eine lange Tradition. In den 1950er Jahren knüpfte der Hörfunk daran an und entwickelte eine entsprechende Radiosendung für Kinder. Das Fernsehen übernahm die Idee – der Abendgruß war geboren. Während im Hörfunk der Sandmann die Geschichten vortrug, fehlte in der Fernsehsendung noch das Sandmännchen.

Das Sandmännchen als Rahmen für die Gutenachtgeschichte

Der anfänglich ohne Sandmann ausgestrahlte Abendgruß wurde ein Jahr später um eine Rahmenhandlung ergänzt. Im Vorspann einer jeden Folge reist das Sandmännchen an einen anderen Ort und läutet den Abendgruß ein. Der Abendgruß selbst ist eine eigenständige Geschichte mit wechselnden Protagonisten. Die bekanntesten sind wohl Pittiplatsch und Schnatterinchen. Nach dem Abendgruß bringt das Sandmännchen die Kinder ins Bett, streut eine Handvoll Schlafsand und winkt zum Abschied. Dass der TV-Sandmann ein so freundliches Wesen besitzt, haben wir Hans Christian Andersen zu verdanken. Sein Märchenfigur „Ole Lukøje“ diente dem Puppenbauer Gerhard Behrend als Vorlage für das Sandmännchen im Ostfernsehen.

Foto: Eine Hand streut mit Schwung etwas feinen Sand.

Ost-West-Sandmännchen

Die Idee zur Rahmenhandlung mit dem Sandmännchen geht auf Ilse Obrig zurück – dieselbe Rundfunkredakteurin, die die Radiosendung initiierte. Allerdings entwickelte sie das Konzept des Sandmännchens als Klammer für den Abendgruß erst einige Jahre nach ihrem Wechsel vom ostdeutschen zum westdeutschen Rundfunk im damals geteilten Deutschland. Die Verantwortlichen des DDR-Fernsehens erfuhren von dem Vorhaben und planten daraufhin ein eigenen Sandmann. Am Abend des 22. November 1959 strahlte das DDR-Fernsehen unter dem neuen Titel „Unser Sandmännchen“ zum ersten Mal den Abendgruß mit der kleinen Puppe aus. Neun Tage später flimmerte sein westdeutsches Pendant „Das Sandmännchen“ über die Fernsehgeräte.

Für Jahrzehnte liefen beide Gute-Nacht-Sendungen parallel. Nach dem Tod des Puppenspielers Herbert K. Schulz 1986, der das West-Sandmännchen produzierte, stellte die ARD „Das Sandmännchen“ mehr und mehr in Frage. Am 31. März 1989 wurde schließlich der westdeutsche Schlaf- und Träumebringer in den Ruhestand geschickt.

Fun-Fact
In der Nacht vom 15. zum 16. September 1979 gelang auf spektakuläre Weise zwei ostdeutschen Familien mit einem Heißluftballon die Flucht in die BRD. Als wäre das nicht Schmach genug für die Parteifunktionäre der SED gewesen, mussten sie mit ansehen, wie zwei Tage später das Sandmännchen zum Abendgruß mit einem Heißluftballon angefahren kam. Das Verbot dieser Episode folgte prompt.

Die Verhinderung des Sandmännchen-Ruhestands

Foto: Auf einer asphaltierten Straße gehen viele Menschen. Es sind nur die Füße und Beine zu sehen.

Die deutsche Wiedervereinigung war eine Zeit voller Umbrüche. Der Einigungsvertrag zwischen der BRD und der DDR sah unter anderem die Auflösung des ostdeutschen Rundfunks vor, damit schien das Schicksal des ostdeutschen Sandmännchens besiegelt. Im Ostteil des Landes regte sich allerdings Widerstand. Im Herbst 1990 gingen die Menschen für ihr Sandmännchen auf die Straße. Es wurden tausende Unterschriften gesammelt und dem damaligen Rundfunkbeauftragten Rudolf Mühlfenzl, der mit der Abwicklung der Fernsehanstalt der DDR betraut war, übergeben. Mühlfenzl konnte die Protestwelle nicht verstehen, war doch bereits in ersten Konzepten der Programmumstrukturierung ein fester Platz für „Unser Sandmännchen“ vorgesehen. Die Entrüstung beruhte letztlich auf Falschinformationen und einer hochsensibilisierten Öffentlichkeit jener Zeit. Trotz dessen, dass das geliebte Männchen nie wirklich in Gefahr war, hatte der Protest die Bedeutung der kleinen Puppe mit Zipfelmütze klargestellt. Seitdem ist „Unser Sandmännchen“ aus der Kinderfernsehlandschaft nicht mehr wegzudenken.

Das Sandmännchen feiert 60. Geburtstag

Kurz nach dem Beginn des Fernsehrundfunks in den 1950er Jahren startete die Karriere des Sandmanns. Am 22. November 1959 brachte „Unser Sandmännchen“ zum ersten Mal den Abendgruß. Noch heute ist der TV-Star ein fester Bestandteil des Abendrituals vieler Kinder. Als dienstältester Akteur im deutschen Fernsehen erreicht das kleine Männchen mit Zipfelmütze über alle Generationen einen Bekanntheitsgrad von annähernd 100 %.

Zum 50. Geburtstag gab es ein großes Kinderfest im Filmpark Babelsberg, der Produktionsstätte der Kindersendung, ein Sandmann Musical und den Kinofilm „Das Sandmännchen – Abenteuer im Traumland“. Dieses Jahr feiert das Sandmännchen seinen 60. Geburtstag. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg läutete das Jubiläum mit der Ankündigung ein, dass der Sandmann zum Sechzigsten seinen Bart verlieren würde. Kleine wie große Zuschauer waren erleichtert, nachdem sich das Ganze als April-Scherz herausstellte. Im Juni folgte ein Denkmal mit Bart: In der Masurenallee vor dem Gebäude des Rundfunks Berlin-Brandenburg sitzt das Sandmännchen auf einer Parkbank und freut sich auf ein Selfie mit Besuchern. Neben dem obligatorischen Fest zum runden Jahrestag des Sandmanns im Filmpark Babelsberg widmet das Filmmuseum Potsdam dem Sandmännchen eine eigene Ausstellung.

 

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (21 Bewertungen, Durchschnitt: 4,76 von 5)
Wird geladen...