Schlafgeschichten

Alle tun es, doch keiner weiß, warum – 10 kuriose Theorien, warum wir gähnen, und was sie halten

Foto: Ein Kind liegt neben einer Katze. Beide gähnen mit weit geöffnetem Mund.

Im Gegensatz zum Gähnen mit vorgehaltener Hand wird das offene Gähnen von manchem Gesprächspartner als unhöflich empfunden, gilt es doch als Zeichen, dass das Gegenüber gelangweilt und unaufmerksam ist. Doch wodurch genau das Gähnen hervorgerufen wird, darum streitet sich die Wissenschaft seit vielen Jahren. Warum gähnen wir also?

Wundern Sie sich nicht, wenn Sie beim Lesen dieses Artikels in exzessives Gähnen verfallen. Nicht nur das Beobachten gähnender Personen, sondern bereits die Erwähnung des Vorgangs allein oder der bloße Gedanke daran, lösen in den meisten Menschen das Bedürfnis aus, mit weit geöffnetem Mund herzhaft tief ein- und auszuatmen.

1. Warum gähnen wir? Ist es der berühmte Sauerstoffmangel?

Ein Babybauch durch dessen Hülle das Kind zu sehen ist. Eine Hand setzt eine Glaskugel auf den Bauch, von de aus sich konzentrische Kreise blauen Lichts über den Bauch ausbreiten.Die Ursache des Reflexes zu Gähnen beschäftigt die Wissenschaft schon seit vielen Jahrzehnten. Die derzeit beliebteste These lautet, dass das Gähnen auf einen Sauerstoffmangel des Gehirns oder im Körper allgemein zurückzuführen ist. Diese Theorie ist unhaltbar, da selbst Fische und Säuglinge im Fruchtwasser beim Gähnen beobachtet werden können. Bereits 1987 wies der amerikanische Psychologe Robert Provine nach, dass die ursprünglich angenommene mangelnde Sauerstoffversorgung keinerlei Einfluss auf die Häufigkeit des Gähnens hat.

Beim Gähnen wird unser Stammhirn, der evolutionär älteste Teil unseres Gehirns aktiv. In diesem Areal liegt der Ursprung des Gähnreflexes, meint Dr. Olivier Walusinski in der Berliner Morgenpost, Experte für die Wissenschaft des Gähnens. Der Impuls kommt ihm zufolge aus dem limbischen System, dem Sitz unserer Emotionen.

2. Warum gähnen wir, wenn andere gähnen?

Zusammenstellung von sieben gähnenden Personen: vier männlich, drei weiblich, zwei mit Brille, fünf halten sich die Hand vor den Mund - alle weiß.

Je empathischer ein Mensch, oder anders ausgedrückt, je ausgeprägter seine Gabe, sich in andere hineinzuversetzen, desto höher ist für ihn die Ansteckungsgefahr beim Gähnen. Menschen mit größerem Einfühlungsvermögen gähnen schneller mit. Auch wie emotional unsere Bindung zu einer gähnenden Person ist, beeinflusst die Wahrscheinlichkeit, dass wir ebenfalls zu gähnen beginnen. Eine Studie der Universität Pisa wies nach, dass die emotionale Nähe zum Gähnenden entscheidende Auswirkungen darauf hat, wie ansteckend das Gähnen empfunden wird. Handelt es sich um Familienmitglieder, Freunde oder Bekannte, die wir beim Gähnen beobachten, ist es weitaus wahrscheinlicher, dass wir selbst ebenfalls den Drang zum Mitgähnen verspüren, als wenn wir einem Fremden beim Gähnen zusehen. Es wird auch angenommen, dass Gähnen soziale Ursachen haben könnte. Die Stimmungsübertragung gilt dann der Synchronisation der Gruppe und somit dem Zusammenhalt.

3. Warum Gähnen speziesübergreifend ansteckt

Schwarz-weiß-Foto: Ein junger Mann im Smoking sitzt neben einem Hund auf einem mit Holzschnitzerei verziertem Bett. Beide gähnen.Klingt kurios, aber: Der Drang zum Mit-Gähnen überträgt sich auch zwischen Mensch und Tier. Studien haben gezeigt, dass Hunde in der Umgebung gähnender Menschen ebenfalls damit anfangen, wie der ehemalige Leiter des schlafmedizinischen Zentrums Regensburg Jürgen Zulley in der Apotheken Umschau. Dabei lässt sich ebenfalls feststellen, je intensiver die persönliche Bindung zwischen entsprechendem Menschen und Tier ist, desto ausgeprägter ist auch der ansteckende Effekt des Gähnens. Von der Forschung wird dieses Verhalten auch als Existenzbeleg für Einfühlungsvermögen bei Hunden gewertet.

4. Stress mitverantwortlich fürs Gähnen

Skizze aus dünnen Linien: Eine Hand hält eine Stoppuhr.

Haben Sie sich jemals gefragt, wieso in aller Welt Menschen kurz vor oder sogar während einem Bungee-Sprung gähnen? Müde oder gelangweilt sind sie in solchen Augenblicken wohl kaum. Stattdessen ist neben Müdigkeit und Langeweile auch Stress ein zuverlässiger Zustand, der uns gähnen lässt. Das erklärt, warum wir in Extremsituationen wie vor Wettkämpfen, wichtigen Prüfungen oder sogar in körperlichen Gefahrensituationen gerade wegen erhöhter Adrenalinausschüttung anfangen zu gähnen.

5. Warum gähnen wir zum Jahreszeitenwechsel

Foto: Eine Person läuft einen leeren Strand im Nebel entlang.

Der Winterblues ist nicht eingebildet: Forscher für Biometeorologie führen die Wetterfühligkeit auf den Wechsel der Jahreszeiten und damit auf die Veränderung klimatischer Bedingungen zurück. Mehrere Studien hätten gezeigt, dass rund jeder Zweite sensibel auf den Wandel der Jahreszeiten reagiert. Besonders die Lichtverhältnisse, aber auch die Temperaturschwankungen gelten als entscheidende Einflüsse, die sich auf unseren Körper auswirken. Symptome sind: Müdigkeit und somit auch das häufigere Gähnen. So produzieren wir aufgrund mangelnden Lichts weniger Endorphine und geringere Mengen des stimmungsaufhellenden Serotonins. Verabschiedet sich der Sommer, wandelt sich also unser Hormonhaushalt. Die Stimmung sinkt, die Müdigkeit breitet sich aus und manch einer kommt aus dem Gähnen nicht mehr heraus. Da helfen nur Spaziergänge. Egal, welches Wetter gerade herrscht – es sollten mindestens 15 Minuten an der frischen Luft sein, um das Gähnen und somit die Müdigkeit einzudämmen. Grundsätzlich helfen auch viel Bewegung und ausreichend Schlaf.

6. Warum gähnen wir vor Hunger

Foto: Eine Person steht gähnend vor einer geöffneten Kühlschranktür.

Hunger kann uns müde machen, einen Leistungsabfall des Gehirns verursachen und uns nachweislich häufiger zum Gähnen bringen. Doch auch nach der Beseitigung des Hungergefühls, dem sogenannten Schnitzelkoma ertappen wir uns vermehrt beim Gähnen.

7. Warum gähnen wach macht

Ist Gähnen also ein natürlicher Wach-Macher? Auch diese Theorie ist längst widerlegt, denn eine Schweizer Studie wies mit ihrer Aufzeichnung gleichbleibender Hirnaktivität vor und nach dem Gähnen nach, dass Gähnen nicht wach macht. Dennoch können wir davon ausgehen, dass Gähnen zumindest wach hält. Diese Vermutung liegt nahe, da wir in monotonen Situationen und im Kampf mit dem Schlaf besonders häufig gähnen. Etwas Powernapping dürfte aber in jedem Fall effektiver sein.

8. Warum Gähnen Hitze reguliert

Skizze aus dünnen Linien: Ein Gehirn und ein Thermometer

Im Tierversuch stellten 2010 amerikanische Psychologen fest, dass Gähnen auch mit der Temperaturregulierung des Gehirns im Zusammenhang stehen könnte. So gähnten Ratten bei steigenden Temperaturen im Gehirn und senkten diese damit umgehend herab. Die Beobachtung, dass im Sommer oder in warmen Räumen mit stickiger Luft vermehrt gegähnt wird, legt die Vermutung nahe, dass auch diese Ursache auf den Menschen übertragbar ist.

9. Warum Gähnen als Nebenwirkung und Entzugssymptom auftritt

Foto: Eine Faust auf teilweise zersplitterten PillenWährend eines Opiat- oder Opioidentzugs kommt es bereits nach kurzer Zeit zu einem verstärkten Gähnen. Exzessives Gähnen ist eine der ersten auch nach außen offensichtlichen Entzugserscheinungen bei Opiatabhängigen. Während der Zeit des Konsums hingegen wird diese Körperfunktion nahezu gänzlich unterdrückt und schlägt sich anschließend, so scheint es, verstärkt in der Entzugssymptomatik nieder, als ob der Körper hier einen Nachholbedarf befriedigt. Das medikamentös induzierte Gähnen kann auch nicht nur als Absetzerscheinung, sondern auch als Nebenwirkung auftreten. So gähnen Patienten unter dem Einfluss bestimmter Antidepressiva bis zu 200 Mal pro Tag.

10. Warum Gähnen die Aufmerksamkeit steigert

Skizze mit dünnen Linien: Eine Person streckt sich in sitzender Position und von hinten gezeigt auf einem Bett.Der Antwort auf die Frage „Warum gähnen wir?“ sind wir bei Aufmerksamkeiststeigerung am nächsten. Den kleinsten gemeinsamen Nenner bei allen Theorien zum biologischen Zweck des Gähnens stellt die Steigerung der Aufmerksamkeit beim Gähnenden dar. Diese wird zusätzlich noch durch Handlungen wie dem Dehnen und Strecken unterstützt. Und das, obwohl diese Begründung bei allen beobachteten Auslösern greift. Sowohl in stressigen als auch in langweiligen Situationen ist die Aufmerksamkeitssteigerung durchaus sinnig. Ebenso gilt dies sicherlich für archaische Überbleibsel einer Aufmerksamkeitssteigerung bei Hunger für die bevorstehende Jagd oder das Sammeln von Nahrung. Auch die Entzugssymptomatik, bei welcher der Körper generell in höchste Alarmbereitschaft versetzt wird, erklärt sich in diesem Ansatz.

 

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (13 Bewertungen, Durchschnitt: 4,92 von 5)
Wird geladen...