Schlafgeschichten

Alleine schlafen oder wer darf mit ins Bett?

Foto: Vor einer holzvertäfelten Wand springt eine Person mit wehendem Rock und angewinkelten Beinen auf einem Bett herum.

Alleine schlafen hat Vorteile: viel Platz, niemand, der die Decke klaut, schnarcht, seine kalten Füße an uns wärmt oder im Sommer zu viel Hitze ausstrahlt. Wäre da nicht bei vielen Menschen das evolutionsbedingte Bedürfnis nach Geborgenheit und Nähe beim Schlafen.

Dem Kuschelbedürfnis zum Trotz ist das Bett ein sehr privater, intimer Bereich, in den man nicht wahllos jeden hineinlässt. Sich das Bett mit der „falschen“ Person zu teilen, gilt kulturübergreifend als unschicklich. Doch wer gehört zum „richtigen“ Personenkreis? Wer nicht gerade alleine schlafen will, handhabt es unterschiedlich: Vom Partner über Kinder bis hin zum Haustier oder sogar „Schlafgänger“ – es ist alles Verhandlungssache.

Anstandshalber alleine schlafen

Historisches Schwarz-Weiß-Foto: Ein Ehepaar liegt in getrennten Betten. Dazwischen der Nachttisch. Er beugt sich mit gespitzten Lippen zu ihr herüberBis in das 20. Jahrhundert hinein durften Vermieter ein Auge auf die geschlechtlichen Beziehungen ihrer Mieter haben. Nur wer verheiratet war, durfte eine Wohnung gemeinsam nutzen. Unverheiratete Paare mussten alleine schlafen. Selbst Herren- oder Damenbesuch, der lediglich zu einem gemeinsamen Essen vorbeikommen wollte, konnte durch die Hausordnung verboten werden. Wer dagegen verstieß, brachte das Haus in Verruf und riskierte die Kündigung. Bis heute halten sich in manchen Mietverträgen Paragrafen, die das Besuchsrecht regeln wollen. Ob diese Damen-, Herrenbesuch oder Übernachtungen verbieten, ist dabei ganz gleich, denn sie allesamt sind unwirksam. Im Gegenteil: Das Besuchsrecht ist für den Mieter ein hohes Gut. Es schließt selbst Haustiere von Besuchern ein, auch wenn der Mietvertrag eine Klausel mit Tierhaltungsverbot enthält. Zudem regelt es, dass Besuch sich auch in Abwesenheit des Mieters in der Wohnung aufhalten und einen eigenen Schlüssel bekommen darf. Bis zu sechs Wochen darf ein Gast in einer Wohnung weilen und auch übernachten, ohne rechtlich als Mitbewohner gelten zu müssen.

In der Gegenwart ist die Frage, mit wem man sich das Bett teilt oder ob man doch lieber alleine schlafen möchte, absolute Privatsache. Das Ehegebot ist dem romantischen Ideal der Paarbeziehung gewichen, demzufolge sich die Liebenden – ob mit oder ohne Trauschein – ein Bett teilen.

Das Ehebett – Schlafstätte mit Symbolkraft

Zeichnung in Vogelperspektive: Ein Paar liegt auf einem BettNüchtern betrachtet ist das gemeinsame Schlafen nicht immer romantisch. Nicht alleine schlafen, sondern sich das Bett mit jemandem zu teilen, hat seine Tücken. Den einen stört das Leselicht, den anderen das laute Schnarchen. Zwischen manchen Paaren wird nachts ein Kampf um Bettdecke und Liegefläche geführt. Eine Studie der Universität Wien aus dem Jahr 2007 hat bewiesen: „Frauen schlafen erholsamer, wenn sie alleine schlafen.“ Doch alleine schlafen trotz eines Paarstatus wird gesellschaftlich eher belächelt. Schnell wird vom Ende der Beziehung getuschelt, das Fehlen jeglicher Romantik gemutmaßt. Ob ein Paar allerdings gemeinsam im Ehebett oder alleine in getrennten Betten oder gar Zimmern schläft, ist letztendlich eine sehr persönliche Entscheidung. Was nutzt eine zwanghafte Nähe, wenn die Regeneration der Nachtruhe dabei auf der Strecke bleibt?

 

Familienbett, Beistellbett oder Kinderbett – der Nachwuchs im Zentrum der Schlafdebatte

Foto: Eine Mutter beugt sich über ihr schlafendes Baby.Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war es selbstverständlich, dass sich eine Familie ein Bett teilte. Heute ist „Co-Sleeping“ nicht nur in Elternratgebern und auf sogenannten Mami-Blogs wieder ein heiß diskutiertes Thema. Die Fragen, ob es entwicklungsfördernd ist, das Kind mit im Elternbett schlafen zu lassen und welche Folgen dies für das elterliche Intimleben hat, bewegen die Gemüter. Theorien werden sowohl von Experten als auch Laien entwickelt. Häufig empfinden stillende Mütter das Familienbett als sinnvolle Lösung, um möglichst wenig Nachtschlaf zu versäumen.

Fun-Fact:
In Schweden schlafen Kinder oft bis zum Grundschulalter mit im Bett der Eltern.

Genauso wie im Mittelalter spielen auch heute Vermutungen eine große Rolle, wenn es um das „richtige“ Schlafen geht. So werden Studien zum plötzlichen Kindstod angeführt, die nahelegen, dass die Gefahr des Erstickens von Kindern durch Überrollen der Eltern besonders groß sei. Andere Statistiken lassen vermuten, dass das Fehlen von Körperkontakt bei allein schlafenden Kindern als mitursächlich für den „Krippentod“ ist.

Zuletzt ist es eine Frage des Kindeswohls: Schläft es besser allein oder ist der Schlaf im Elternbett stabiler? Für Eltern gibt es zudem einen Mittelweg – die Verwendung eines Beistellbettchens. Diese Schlafvariante wird dem natürlichen Nähebedürfnis des Säuglings gerecht. Den Eltern bleibt gleichzeitig genug Raum zum Kuscheln.

Tierisch bequem – Haustiere im Bett

Foto: Ein Hund liegt im Bett. Lediglich die Schnauze lugt unter der Decke hervor.Mit unserer Schlafkultur steht auch die Domestizierung des Hundes in Zusammenhang. Bevor die Vierbeiner zu zahmen Haustieren wurden, sorgten sie dafür, dass wir uns während des Schlafens sicher fühlten. Hunde verliehen ihrem Halter im Sozialgefüge ein besonderes Maß an Unabhängigkeit: Der Mensch mit einem Hund an seiner Seite hatte für die Nacht seinen persönlichen Wachposten an der Schlafstätte. Der Hund sicherte die Selbstständigkeit – der Mensch musste sich nicht mehr um jeden Preis mit einer schützenden Gruppe gut stellen.

Zusätzlich spendete die Nähe zu einem Lebewesen wie dem Hund, aber auch dem Hausschwein, einer Katze oder einem anderen Menschen, ausreichend Wärme in der Nacht. Die Abhängigkeit von der Wärmequelle Feuer wurde gemindert. In Kulturen, die mit ihrem Nutzvieh zusammenleben, kann es in kalten Nächten heute noch vorkommen, dass der Mensch sich mit kleineren Paarhufern wie Ziegen, Schafen oder Schweinen das Bett teilt.

Schematische Darstellung: Hund und Katze in einem durchgestrichenen Kreis.Alleine schlafen – ohne Haustier ins Bett

Heute sind der Schutz und die Wärme durch das Haustier meist nicht mehr nötig. Umso brisanter wird die Frage diskutiert, ob Hund oder Katze trotzdem mit ins Bett dürfen. Argumente gegen das Tier im Bett werden auf dem Gebiet der Hygiene ins Feld geführt. Manche Tierpsychologen warnen sogar vor eventuell auftretenden Rangproblemen bei einem Rudeltier wie dem Hund. Generell ist es ratsam, schon bei der Anschaffung das Zusammenleben mit dem Tier zu überdenken und somit auch die Schlafregeln festzulegen. Denn hat der tierische Freund seinen Schlafplatz erst einmal beim Menschen, fällt die Umgewöhnung schwer. Wer langfristig doch lieber alleine schlafen möchte, sollte dem Vierbeiner den Zugang zum Bett von Anfang an verwehren.
Wer plant, in den nächsten Jahren Kinder zu bekommen, sieht oft vom gemeinsamen Schlafplatz mit Hund oder Katze ab. Zu groß kann das Verletzungsrisiko gerade bei Säuglingen sein. Zu beängstigend das Bild der Katze, die die Nähe zum Baby sucht und einen warmen Schlafplatz ausgerechnet auf dem Gesicht des Kindes findet. Befragungen unter Tierhaltern haben tatsächlich ergeben, dass das Tier im Bett durchaus förderlich für den Schlaf ist. Nagetiere sollten allerdings wegen der Gefahr, sie lebensgefährlich zu verletzen, nicht mit ins Bett genommen werden.

Die Schlafgänger – historischer Gast im Bett

Historische Schwarz-Weiß-Fotografie: Ein Herr mit Gehstock, Koffer und im Anzug steht zum Gehen gewandt vor einem Bett.Familien teilten sich nicht nur untereinander oder mit ihren tierischen Beschützern das Bett. Zur Zeit der Industrialisierung und der damit einhergehenden Landflucht kam es zu einem plötzlichen Platzmangel in den Städten. Wohnraum wurde zunehmend knapp und teuer. Familien besserten ihr Einkommen auf, indem sie eines oder mehrere Betten an Schichtarbeiter vermieteten. Wer sich ein solches Bett mietete, galt als „Schlafgänger“, „Bettgeher“ oder „Schlafbursche“.

Dieses Mietbett-Modell des 18. und 19. Jahrhunderts brachte Geld ein, doch die Intimität der Familien wurde durch die Schlafplatzvermietung stark eingeschränkt. Da insbesondere in ärmlichen Verhältnissen und bei beengter Wohnraumsituation vermehrt auf die zahlenden Schlafgäste gesetzt wurde, traf diese Wohnsituation vor allem die finanziell schlechter gestellte Bevölkerung. Zudem war das Schlafgängertum insofern problematisch, als dass es zur Verbreitung von Krankheiten wie Syphilis, Tuberkulose und Krätze beitrug und regelrechte Epidemien beförderte.

Mit dem Übergang in das Zeitalter der Moderne näherten sich die Schlafkulturen schließlich unseren heutigen Vorstellungen von Schlaf an. Das Alleineschlafen rückt im Zuge der Individualisierung immer weiter in den Fokus der Gesellschaft.

 

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