Schlafgeschichten

Hypersomnie – süchtig nach Schlaf

Foto: Eine junge Frau liegt mit dem Bauch auf dem Sofa, die linke Arm hängt vom Sofa runter.

Wer sich tagsüber immerzu müde fühlt und ständig zum Einschlafen neigt, ist womöglich von einer Hypersomnie betroffen. Umgangssprachlich wird dieser Zustand als Schlafsucht bezeichnet. Hypersomnie kann sowohl organische als auch nicht-organische Ursachen haben und beeinträchtigt den Alltag Betroffener teils erheblich.

Was Hypersomnie eigentlich bedeutet

Obwohl sich Wissenschaftler in den vergangenen Jahren vermehrt mit dem Thema Tagesschläfrigkeit auseinandergesetzt haben, konnte dieser Bereich noch nicht ausreichend erforscht werden. Deshalb existiert bisher keine einheitliche Definition zum Begriff Hypersomnie. Wichtig ist daher zu verstehen, worauf es bei einer Hypersomnie ankommt. Sie liegt dann vor, wenn man nach subjektivem Empfinden zwar ausreichend lange und gut geschlafen hat, tagsüber aber trotzdem dauerhaft müde ist oder zum Einschlafen neigt. Der Nachtschlaf ist also aus irgendeinem Grund gestört und nicht erholsam. Dieser Ursache gilt es auf den Grund zu gehen.

Oft werden unter Hypersomnie die Begriffe „Müdigkeit“ und „Schläfrigkeit“ zusammengefasst. Besonders „Müdigkeit“ ist ein Zustand, der sehr unspezifisch und vieldeutig ist, aber eine wichtige Rolle in der Diagnostik spielt. Denn Müdigkeit ist eine gängige Begleit- oder Folgeerscheinung organischer Erkrankungen und kann sehr ausgeprägt sein. Darunter fallen zum Beispiel bestimmte Formen von Schlafstörungen, Krebs, Blutdruck, Entzündungen oder Formen psychischer Erkrankungen, die Müdigkeit bis hin zu exzessiver Tagesschläfrigkeit hervorrufen können.

Andererseits kann Hypersomnie aber auch nicht-organisch sein, also ohne erkennbare Ursache auftreten. Wissenschaftler tappen zur Entstehung nach wie vor im Dunkeln. Es wird angenommen, dass unter anderem genetische Bedingungen für eine nicht-organische Hypersomnie verantwortlich sind.

Schläfrigkeit und Schlafattacken am helllichten Tag

Charakteristisch für die Hypersomnie ist eine andauernd bestehende Tagesmüdigkeit, die Beschwerden fallen jedoch unterschiedlich aus. Ein Teil der Betroffenen klagt über Tagesschläfrigkeit mit eintretenden Einschlafattacken. Ein anderer Teil beklagt eine ausgeprägte Müdigkeit bei geistigen wie auch bei körperlichen Tätigkeiten, jedoch ohne Einschlafattacken. Andere Betroffene schlafen jede Nacht mehr als zehn Stunden, doch auch wenn sie lange schlafen, sind sie tagsüber müde. Streng genommen spricht man nur bei dieser letzten Gruppe von einer Hypersomnie, während die oben genannten Beschwerden eher als Tagesschläfrigkeit oder -müdigkeit umschrieben werden. Ein Powernap zwischendurch bringt bei Hypersomnikern oftmals keine Besserung – stattdessen verschlimmert sich die Schläfrigkeit in vielen Fällen.

Foto: Ein Bauarbeiter sitzt auf einem Container-Boden und hält den Kopf gesenkt.

Gut zu wissen: Hypersomnie ist nicht mit dem Chronischen Erschöpfungssyndrom (Chronic Fatigue Syndrome) zu verwechseln. Beim Chronischen Erschöpfungssyndrom fühlen sich Betroffene zwar ähnlich dauerhaft erschöpft, haben aber kein erhöhtes Schlafbedürfnis. In diesem Punkt grenzen sich beide Erkrankungen klar voneinander ab.

Neben der Schlafsucht treten weitere Beschwerden wie Reizbarkeit und Konzentrationsstörungen auf, die Leistungseinbußen zur Folge haben. Das Einnicken in alltäglichen Situationen wie beim Essen oder einem Gespräch wird als peinlich und unangenehm empfunden. All das führt dazu, dass Betroffene im Alltag und Beruf erheblich eingeschränkt sind und eigentlich nur noch „funktionieren“. Die geringe gesellschaftliche Akzeptanz und das Verharmlosen von Müdigkeit führen dazu, dass Betroffene nicht ernst genommen und als „faul“ abgestempelt werden. Zudem stellt sich ein gefährlicher Nebeneffekt ein, da Hypersomniker eine Gefährdung für sich selbst und andere darstellen können. Besonders beim Führen eines Pkws im Straßenverkehr steigt das Unfallrisiko um ein Vielfaches, da ohne Vorwarnung ein gefährlicher Sekundenschlaf eintreten kann.

Schlafmangel ein eindeutiges Zeichen für Hypersomnie

Häufig ist die Hypersomnie eine Folgeerscheinung nächtlicher Schlafstörungen und daraus resultierendem Schlafmangel. Das Fatale daran: Betroffene nehmen ihre Schlafstörungen während der Nacht selbst meistens nicht wahr. Dabei werden jedoch massive körperliche Veränderungen verursacht und der Schlaf nachhaltig gestört, was sich wiederum als Erschöpfungszustand am Tage äußert. Obwohl ihr Nachtschlaf von einer Reihe Faktoren unterbrochen wird, schätzen Betroffene ihren Schlaf weitestgehend als positiv ein, denn die Nachtschlafdauer wird davon nicht beeinträchtigt und ist ausreichend lang.

Foto: Die Hände eines Arztes tasten das Bein eines Patienten ab.

So gelten die atmungsbezogene Schlafstörung Schlafapnoe und das Restless-Legs-Syndrom als häufige Ursachen für die Schlafsucht. Beide Erkrankungen werden vom Betroffenen eher nicht wahrgenommen. Bei der Schlafapnoe setzt nachts der Atem aus – oft mehrmals pro Stunde und mehrere Sekunden oder gar Minuten lang. Der Körper ist durch den Sauerstoffmangel derart gestresst, dass er im Schlaf nicht mehr die nötige Erholung bekommt. Der Körper versucht die fehlende Erholung tagsüber durch mehr Schlaf auszugleichen. Das Restless-Legs-Syndrom ist eine neurologische Erkrankung, die während des Nachtschlafes Gefühlsstörungen und Bewegungsdrang in den Gliedmaßen verursacht, was sich tagsüber in einem Erschöpfungszustand äußert.

Foto: Wein aus einer geöffneten Flasche wird in ein Glas gefüllt.

Zudem rufen Alkohol und Drogen ebenfalls Hypersomnie hervor. Durch den Konsum wird die Schlafqualität derart verschlechtert, dass ein erhöhtes Schlafbedürfnis am Tage entsteht. Das eine Glas Rotwein vor dem Zubettgehen kann bereits ausreichen, die Schlafqualität drastisch zu verschlechtern.

Die ursachenlose Hypersomnie

Kann keine organische Hypersomnie festgestellt werden, spricht man von der Idiopathischen Hypersomnie. Hierbei handelt es sich um Schlafsucht ohne eine erkennbare Ursache. Betroffene sind von Vielschläfrigkeit am Tage ohne Grund geplagt. Die Idiopathische Hypersomnie kann in zwei Formen auftreten. Die erste Form ist durch einen abnormal langen Nachtschlaf gekennzeichnet, der über 12 Stunden gehen kann. Bei der zweiten Form ist die Schlafdauer mit unter zehn Stunden zwar im Normalbereich, die Tagesschläfrigkeit ist hier aber weit ausgeprägter als bei der ersten Form. Zudem kommen Betroffene nach dem Aufstehen nicht richtig in die Gänge und sind gelegentlich schlaftrunken: ein Zustand der Verwirrtheit und Orientierungslosigkeit, der über mehrere Stunden andauern kann.

Ursachenfindung und Therapie bei Hypersomnie

Für die Hypersomnie gibt es nach derzeitigem Erkenntnisstand keine Heilung. Unter Umständen lässt sie sich jedoch abmildern. Darunter fällt nach Möglichkeit auch die Behandlung einer eventuellen Grunderkrankung. Um überhaupt eine Diagnose auf Hypersomnie stellen zu können, wird vorranging ein Hypersomnie-Test in Form eines multiplen Schlaflatenz-Tests im Schlaflabor zur Beurteilung des Schlaf-wach-Rhythmus durchgeführt. Die Diagnosestellung gestaltet sich recht schwierig, da Müdigkeit und Schläfrigkeit gängige Begleit- oder Folgeerscheinungen vieler Krankheiten sind und ohne aufwendige Untersuchung nur schwer eingegrenzt werden können.

Hypersomnie kann durch bestimmte Verhaltenstherapien gelindert werden. Oftmals werden individuelle Bewältigungsstrategien (Coping) entwickelt, um den Schlafdrang zu übergehen. So kann beispielsweise ein Schlaftagebuch helfen, wache und schläfrige Phasen zu ermitteln und so die Zeit besser einzuteilen.

Foto: Eine Frau liegt im Bett mit Kugelschreiber in der Hand, neben ihr liegt ein Schlaftagebuch.

Darüber hinaus kann die Therapie auch medikamentös erfolgen. Bestimmte Wachmacher oder Antidepressiva können der Schläfrigkeit am Tage entgegenwirken. Allerdings kommt es bei vielen Medikamenten zu unerwünschten Nebenwirkungen, weshalb eine medikamentöse Therapie vorher genauestens durchdacht und abgesprochen werden sollte. Nicht selten kommt es nach der Einnahme zu innerer Unruhe, Schlaflosigkeit, Angst und vermehrtem Schwitzen bis hin zu Herzrasen oder beschleunigtem Puls. Hypersomnie in Verbindung mit Depression kann diese sogar verstärken. Ein Teufelskreis, der für Betroffene absolut kontraproduktiv ist.

Verhaltenstherapie bei der Idiopathischen Hypersomnie

Zur Idiopathischen Hypersomnie lassen sich die Gründe nicht identifizieren, hier lässt sich also nur mutmaßen. Vielleicht liegt ein unerkannter, erhöhter Schlafbedarf vor. Gesellschaftliche Zwänge, ein ungesunder Lebensstil, Schichtarbeit oder Jetlag können ein erhöhtes Schlafbedürfnis hervorrufen. Achten Sie daher auf die Einhaltung der Schlafhygiene, bei der es sich um bestimmte Verhaltensweisen zu einer Verbesserung der Schlafqualität handelt. Passen Sie gegebenenfalls Ihren Lebensstil an und verzichten Sie nach Möglichkeit auf alkoholische Getränke, insbesondere vor dem Zubettgehen.

Foto: Ein Mann schläft am Flughafen, sein Kopf liegt auf seiner Reisetasche.

Zudem ist die Schlafdauer bei jedem Menschen individuell. Obwohl laut National Sleep Foundation eine Schlafdauer zwischen sieben bis neun Stunden bei erwachsenen Menschen als ideal gilt, kommen einige Menschen mit lediglich vier Stunden Schlaf pro Nacht aus, andere brauchen hingegen ganze zehn Stunden Schlaf. Versuchen Sie daher, Ihre persönliche Schlafdauer auszutesten. Wichtig ist, ausreichend nach dem individuellen Bedürfnis zu schlafen und aufzustehen, sobald man ausgeschlafen hat – auch dann, wenn man am Wochenende gerne mal länger schlafen möchte. Wer an einem Sonntagmorgen bereits um 7 Uhr ausgeschlafen hat, sollte sich besser nicht noch einmal umdrehen, da man durchaus zu lange schlafen kann. Die Aussage, man könne fehlenden Schlaf nachholen oder gar ansammeln, ist zwar weit verbreitet, aber wissenschaftlich kaum erforscht. Deshalb sind viele Menschen nach zu viel Schlaf müde und verspüren auch dann die vielfältigen und unspezifischen Symptome einer Hypersomnie.

Genauso macht zu wenig Schlaf auf Dauer müde und keinesfalls munter. Um Ihre persönliche Schlafdauer auszutesten, sollten Sie sich dafür am besten während des Urlaubs viel Zeit nehmen. Finden Sie heraus, wie viel Schlaf Sie wirklich brauchen und um welche Uhrzeit Sie am besten einschlafen können.

Schwere und seltene Hypersomnie-Formen

Narkolepsie

Bei der Narkolepsie handelt es sich um eine eindeutige und sehr schwere Form der Hypersomnie. Narkolepsie ist ein eigenständiges Krankheitsbild, wovon hierzulande schätzungsweise 40.000 Menschen betroffen sind. Charakteristisch für die Narkolepsie sind die heftigen Einschlafattacken am Tag, die urplötzlich auftreten. Im Gegensatz zur Idiopathischen Hypersomnie kann ein Powernap zwischendurch zumindest die Tagesschläfrigkeit ein wenig verbessern. Während einer Einschlafattacke verlieren Betroffene oftmals vorübergehend an Muskelkontrolle und fallen dabei zu Boden. Die sogenannte Kataplexie ist ein eindeutiges Zeichen für Narkolepsie, worüber sich diese Form der Hypersomnie recht einfach identifizieren lässt.

Foto: Eine Frau liegt auf dem Boden, helfen Hände kommen ihr zu Hilfe.

Schlafen wie Dornröschen

Eine extrem seltene Art der Hypersomnie ist die Periodische Hypersomnie. Typisch für diese Form sind die ausgiebigen Schlafphasen, die sich mehrmals pro Jahr wiederholen und sich auf Tage oder Wochen erstrecken können. Hierzu zählt das mit weltweit 1000 Fällen seltene Kleine-Levin-Syndrom. Die Krankheit ist nach dem deutschen Psychiater Willi Kleine und dem US-amerikanischen Neurologen Max Levin benannt, die sie im Jahr 1925 erstmals schriftlich erwähnten. Im Volksmund wird das Syndrom als Dornröschen-Syndrom bezeichnet: Betroffene verfallen in lange Schlafphasen, die über Monate andauern können. In dieser Phase erwachen Betroffene zwar für ein bis zwei Stunden, doch währenddessen sind sie komplett schlaftrunken. Zur Ursache tappen Mediziner völlig im Dunkeln. Es wird gemutmaßt, dass das Dornröschen-Syndrom genetische Ursachen hat. Eine Heilung gibt es derzeit nicht, doch die Erfahrung zeigt, dass Stimulanzien die Schläfrigkeit zumindest eindämmen können. Darüber hinaus kann hochdosiertes Kortison die Schlafphasen verkürzen.

Foto: Ein Mann schläft in seinem Bett.

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